Wiegendrucke der Lithografie

Die Werke, die in den ersten Jahren einer neuen Drucktechnik entstehen, heißen Inkunabeln. Hinter diesem etwas kompliziert klingenden Begriff steht das lateinische incunabula – die Windel, die Wiege. Ganz einfach sind hiermit also die Erstlingswerke, die Pionierstücke gemeint, von denen eine ganz  eigene Faszination ausgeht. Sie stehen einerseits für das Neue, Revolutionäre. Die Grenzen der bisherigen Technik wurden überwunden, noch nie da gewesene Möglichkeiten tun sich auf. Andererseits steht die neue Technik am Anfang, steckt in den Kinderschuhen. Man spürt an den Ergebnissen das Experimentieren, die Unsicherheiten, das noch Unvollkommene.

Als Wiegendrucke der Lithographie gelten die Blätter, die in den ersten 20. Jahren, also bis circa 1820 entstanden sind. Franz Anton Niedermayr ist hier von Anfang an dabei! Und was sich an frühen Regensburger Lithographien erhalten hat, kann leicht den Vergleich mit den Inkunabeln der anderen frühen Steindruckereien aufnehmen.

Von Anfang an lässt sich eine enge Kooperation zwischen dem Lithographen und Musikalienhändler (wie er in den Adressbüchern aufgeführt wird) Franz Anton Niedermayr und Regensburger Verlegern, Künstlern, Literaten, Gelehrten – kurz: Kulturträgern feststellen: Georg Heinrich Keyser und Victor Daisenberger, Aegidius Touchemolin und Josephe Bouillot, Placidus Heinrich und Heinrich Albert David Elsperger, um nur einige wenige zu nennen.

Sicherlich hat sich nur ein sehr geringer Teil der in den ersten Jahren gedruckten Werke erhalten.

Lithowerkstatt Regensburg Fr Ant Niedermayr Carl von Dahlberg
Fürstprimas Carl von Dalberg 1802, 25,7 x 17,5 cm, Graph. Sammlung, München

Es handelt sich vermutlich um eine Kreidezeichnung von Martin Joseph Bauer. Die Lithographie entstand kurz nach der Ankunft Carl von Dalbergs in Regensburg.

Lithowerkstatt Regensburg Fr Ant Niedermayr Herme-des Bias von Priene
Herme des Bias von Priene, 1801, 34 x 23 cm, Archiv der Graph. Kunstanstalt Fr. Ant. Niedermayr

Einzig erhaltene Lithographie von dem mit dem Verleger Georg Heinrich Keyser begonnenen Projekt: Handbuch der Antike. Heft 1. Mit Steinplatten-Abdrücken.

Lithowerkstatt Regensburg Fr Ant Niedermayr Druck Nieswurz 1804
Die stinkende Nießwurz, 1804, 21 x 17 cm, Bayer. Staatsbibliothek, München

Aus: Die wichtigsten Giftpflanzen, abgebildet nebst Beschreibung. Zum Gebrauche für Ärzte, Apotheker, Wundärzte, Seelsorger auf dem Lande, Privaterzieher und Schullehrer. Von D. Johann Jakob Kohlhaas, Kurerzkanzlerischem Director des Sanitätsraths und erster Stadtphysicus …

Kohlhaas schreibt im Vorwort von „Die wichtigsten Giftpflanzen“:

„Die Kunst-, Musik- und Buchhandlung von G. H. Keyser und Comp. in Regensburg (= Niedermayr; dieser arbeitete von 1802 bis 1804 mit Keyser zusammen; Anm. d. Verf.) hat den hellen Gedanken gehabt, Pflanzen auf Steinabdrücken dem Publikum zu liefern … Ein Werk zur Belehrung, für jedermann geschrieben. Ein geschickter junger Künstler hat sie auf Stein gezeichnet, und nach dem Abdruck, welches Verdienst dem tätigen Herrn Niedermeier in Regensburg gehört, illuminiert.“