Druckgeschichte

 

Am Anfang war der Stein

Das Bild vom Stein ist die einfache Umschreibung eines um 1800 erstmals angewandten Druckverfahrens, das das gesamte Druckwesen revolutionierte. Der Erste, der die Lithographie – was im Übrigen nicht nur die Technik, sondern auch deren Ergebnisse bezeichnet – in Regensburg erfolgreich verwirklichte, war Franz Anton Niedermayr.

AltstadtQuartier Lithowerkstatt Niedermayr Wachtplan Stein 1803 Regensburg

Lithographiestein 1803

AltstadtQuartier Lithowerkstatt Niedermayr Wachtplan Nachdruck 1803 Regensburg

Wachtplan von Regensburg, Nachdruck des Originals von 1803, 36 x 42 cm, Archiv der Graph. Kunstanstalt Fr. Ant. Niedermayr

Der Grundriss der Stadt Regensburg wurde entworfen und gezeichnet von Johann Carl Joseph Weidner um 1780. Carl von Dalberg veranlasste 1803 die Herausgabe eines amtlichen Stadtplanes und bediente sich neben der Planvorlage Weidners auch gleich der neuen Technik. Dies ist ein Hinweis auf das Interesse Dalbergs an der Lithographie und ihrer Etablierung in Regensburg. Die spiegelverkehrte Umzeichnung auf den Stein besorgte Heinrich Albert David Elsperger.

Den Druckauftrag erhielt der privilegierte Lithograph der Stadt, Franz Anton Niedermayr. Die Blätter wurden einzeln von Hand koloriert – zur Verdeutlichung der Wachteneinteilung.

Was unterscheidet die Lithographie von den bisher üblichen Druckverfahren? Bis dato gab es prinzipiell zwei verschiedene Möglichkeiten des Druckes – den Hoch- und den Tiefdruck; beim Hochdruck wurden Teile aus der Oberfläche des Druckstocks herausgeschnitten, die dann beim Druck keine Farbe annahmen und als weiße Linien oder Fläche zurückblieben, während die hochstehenden Partien, mit Farbe behandelt, den Druck abgaben. Das Gegenteil geschah beim Tiefdruck: Metallplatten wurden graviert oder geätzt und eingefärbt; dann wurde die Oberfläche wieder gereinigt. Die Farbe haftete an den vertieften Stellen.

Die neue Druckart ging von einer vollkommen ebenen Platte aus. Dies war die Geburtsstunde des Flachdrucks.

Lithos – graphein bedeutet auf Stein schreiben, zeichnen. Als Druckstock wurde ein Stein verwendet, der Druckvorgang beruht auf einer rein chemischen Behandlung der Oberfläche. Besonders geeignet waren dafür die bekannten Solnhofer Platten. Diese Steine sind feinporig und nehmen Fett und Wasser gut auf. Glattgeschliffen und mit Alaun entsäuert, bieten sie eine optimale Grundlage für die Steinzeichnung. Mit fetthaltiger Tusche – an dem Rezept für die Tinte hat Niedermayr ausgiebig experimentiert (Abb. S. 9) – oder mit Fett- kreide werden Texte, Musiknoten und Zeichnungen aufgetragen. Dabei entsteht in einem chemischen Prozess fettsaurer Kalk, der fettanziehend und wasser- abstoßend wirkt. Nun werden die zeichnungsfreien Stellen der Platte mit verdünnter Salpetersäure und dem damals neu entdeckten Gummiarabikum wasseraufnahmefähig und fettabstoßend gemacht. Beim Einfärben schließlich nimmt nur die Zeichnung die fette Druckfarbe an, die unbezeichneten Stellen stoßen die Farbe ab.

Der Druck erfolgte anfänglich mit hölzernen Handpressen. Vorwiegend verwen- det wurde die Reiberpresse. Auf dieser wurde die Farbe strichförmig auf das Papier aufgerieben, indem man einen beweglichen Reiber mit Druck über den Stein und das in den Papierhalterrahmen eingelegte Papier schob.

Eine neue technische Idee revolutionierte gegen Ende des 18. Jahrhunderts das Druckwesen: Die Lithographie.

Franz Anton Niedermayr zählt ohne Zweifel zu den Pionieren der neuen Technik. In kürzester Zeit, weitgehend autodidaktisch und experimentierfreudig, konnte er der Lithographie bereits im Jahr 1801 großartige Ergebnisse abgewinnen. Die Entwicklung lag in der Luft – auch andernorts war man sich der prinzipiellen Möglichkeit des chemischen Drucks bewusst geworden; weit über bayerische Grenzen hinaus wurde mit Fetttinte und Gummiarabikum experimentiert.

Franz Anton Niedermayr hatte sich 1801 in der (noch) freien Reichsstadt Regensburg niedergelassen, außerhalb des Kurfürstentums Bayern, denn hier war er der erste und vor allem der einzige Lithograph. Der junge Niedermayr hatte erkannt, dass Regensburg ein gutes Pflaster für sein neues Geschäft sein könnte, und hier die erste Steindruckerei begründet. Aus demselben Jahr stammt der früheste erhaltene Steindruck Niedermayrs.

25 Jahre lang blieb er – mit einem Privileg ausgestattet – der einzige Lithograph in der Donaustadt, ehe ihm andere folgten. Erhalten haben sich aus der Anfangszeit des Unternehmens nicht nur zahlreiche Lithographien, sondern auch zwei Lithosteine, die in ihrer Art als einzigartig anzusehen sind. Franz Anton Niedermayr betrieb sein Geschäft äußerst erfolgreich, sorgte sich aber auch, ebenso erfolgreich, darum, das Unternehmen an die nächsten Generationen weiterzugeben. Er war der Begründer eines Regensburger Familienunternehmens, das bis heute – in der sechsten Generation – weiterbesteht.

Bereits im 19. Jahrhundert reichten die Aufträge in Regensburg für die Ambitionen des wachsenden Unternehmens nicht aus und Niedermayr suchte neue Märkte. Zudem zwang die größer werdende Konkurrenz die Druckerei Fr. Ant. Niedermayr dazu, ihren wirtschaftlichen Rückhalt mit Aufträgen aus der näheren und entfernteren Umgebung Regensburgs zu sichern. Eine Stadtansicht Hemaus wurde ebenso gedruckt wie dänische Landschaften oder Leipziger Musikalien, oft in Zusammenarbeit mit hierzulande unbekannten Künstlern.

Weiterhin jedoch arbeitete die Druckerei in und für Regensburg. Die zahlreichen überlieferten Druckerzeugnisse von Visitenkarten, Speisekarten, Etiketten, Plakaten, Einladungen über Bücher, Kataloge und Prospekte entführen den Betrachter in zweihundert Jahre Geschichte von Regensburger Firmen, Geschäften, Restaurants, Verbänden und Personen. Sie sind ein Spiegelbild Regensburger Lebens und Alltags, wie es bisher noch nicht gezeigt werden konnte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stand die Druckerei unter Fritz Helmberger vor einem schweren, durch Kriegsverluste notwendig gewordenen Neuanfang. Technische Neuerungen wurden dabei, wie schon in den vier Generationen vorher, aufgenommen und umgesetzt. Neue, größere Firmengebäude wurden errichtet und bezogen.

Und heute, unter der Leitung von Johannes Helmberger, ist die Druckerei Fr. Ant. Niedermayr zu einer der größten Offsetdruckereien Deutschalands avanciert. In ihrem Firmensitz im Südosten der Stadt Regensburg beschäftigt die Druckerei über 120 Mitarbeiter/innen. Es werden täglich 1.200 Tonnen Papier verarbeitet, eine Menge, die ausreicht, um die Altstadt von Regensburg jeden Tag überdecken zu können.

Nichts mehr erinnert heute an die alten Druckmaschinen. Lithosteine, wie sie der Firmengründer Franz Anton Niedermayr für seine ersten Musikalien benötigte, finden keine Verwendung mehr, die Technik hat sie längst überholt. Aber einer der ersten Steine aus der Zeit um 1803, der den Wachtenplan von Regensburg zeigt und mit dem Franz Anton Niedermayr sein Geschäft begann, können Sie heute in unserer Schauwerkstatt bewundern.